Dr.Wolfgang
Pauser
Des
Hundes Beitrag zur Malerei der Titanilla Eisenhart
Nach
etwas kontrastreich Appetitlichem wie Schwarzbrot mit wei§er Butter, oder auch
wie schwarz-wei§en Dominosteinen, sagt Titanilla Eisenhart, sei ihr der Sinn
gestanden. Und da sei ihr der schwarze Hund fŸr ihre wei§en LeinwŠnde eben
recht gekommen. Hunde sind universale Wunsch-ErfŸller fŸr Menschen. Warum
sollten sie malerische WŸnsche nicht ebenso erfŸllen kšnnen wie Bei§wŸnsche,
KuschelwŸnsche, JagdwŸnsche, FellwŸnsche, ErziehungswŸnsche, MachtwŸnsche und
AbhŠngigkeitswŸnsche? Ein schwarzbrauner Hund kann fŸr ein GemŠlde die Farbe
Schwarzbraun beitragen. Und mit seinem Fell gewisse Glanzeffekte auf der
Leinwand provozieren. Er kann Schatten werfen und dafŸr sorgen, dass das
GemŠlde dem Auge des Beschauers seinen Blick zurŸckwirft - aus Hundeaugen.
"Der Hund", sagt Titanilla Eisenhart, "ist der
ewige Trabant des Menschen, er hat in der Kulturgeschichte verschiedenste
Funktionen gehabt. Sowohl in der antiken wie in der Freudschen Traumdeutung
steht er fŸr den verdrŠngten, nicht ausgelebten Trieb. Es ist dessen
ProjektionsflŠche. Er ist aber auch ein Medium zur Selbstvergewisserung. Ich
kenne zB. eine Rollstuhlfahrerin, die Hunderennen veranstaltet, und einen
kleinen bulligen Mann mit einem kleinen, bulligen Hund. Solche Beobachtungen
und Gedanken werden gefiltert in meinem Kšrper und kommen dann in der Arbeit
wieder heraus. Ein alter Hund etwa ist eine Parallelgestalt fŸr einen Menschen,
an der man die Erfahrung vorwegnimmt, wie es sein wird, wenn man spŠter selbst
alt sein wird.Ò
Die
KŸnstlerin schŠtzt am Hund seine Allgemeinheit: "Als ich Frauen malte,
wurde ich bald als Frauenmalerin und malende Frau eingeordnet, Hunde sind zum
GlŸck frei von Bedeutung, so da§ man alles in sie projizieren kann. Sie
verdichten zahlreiche Menschenkontexte.Ò Gerade weil der Hund als
anthropomorphe Gestalt ein leerer Spiegel menschlicher Selbstvergewisserung
ist, kann man unendlich viel in ihm sehen.
Als
Gestalten bewegen sich die Hunde in einem Zwischenreich von IndividualitŠt und
Allgemeinheit, ihre Namen unterstreichen das und sind deshalb fŸr die
KŸnstlerin nicht unwichtig: "Das Malen eines Hundes ist wie ein
Schšpfungsakt: man kann dem erschaffenen Wesen schlie§lich einen wohlŸberlegten
Namen geben, teils aus dem alten Testament, wie Lot oder Naama, teils nordische
wie Afra Adalgard, teils erfundene wie Lunne, oder Bone. Die Festsetzung des Namens bestŠrkt und
fixiert fŸr mich das GefŸhl, das ich beim Malen dieses Hundes hatte. Das Bild
wird damit fŸr mich zu einem Begriff und als Ganzes erfasst. Oft denke ich eine
ganze Nacht lang darŸber nach, wie ein gemalter Hund treffend zu hei§en hat.Ò
Der
Hund in Titanilla Eisenharts Bildern ist ganz und gar ein Diener der Malerei.
Das Dienen war freilich immer schon die Rolle des Hundes, in der
Kulturgeschichte insgesamt wie in der Malereigeschichte speziell. Auch in der
naturalistischen Malerei hat nicht etwa die Malkunst dem Abbilden des Hundes
gedient, sondern umgekehrt der Hund die Malkunst unterstŸtzt. In der
Jagdmalerei, im SchlachtengemŠlde ebenso wie im Interieur wurden Hunde von den
Malern jeweils dort platziert, wo die Komposition Kontrapunkte erforderte oder
auch einen Farbfleck in einer beim Hund vorkommenden Farbe, also wei§, schwarz
oder braun. Wie ein SalatblŠttchen am Tellerrand schmŸckte ein HŸndchen so
manche Heiligenszene, spŠter auch manches Herrscher- oder BŸrger-PortrŠt. Dekor
ist der Hund in der Kunstgeschichte jedoch auch dort gewesen, wo er, wie im
HundeportrŠt des 19. Jahrhunderts, nicht Beiwerk war, sondern allein im Zentrum
des Bildes stand.
Denn
das Genre des PortrŠts ist trotz aller Vermenschlichungen nicht auf das Tier
Ÿbertragbar. Tasso IV. in …l auf Leinwand ist nur seinem Herrchen lebendige
Erinnerung, fŸr alle anderen Menschen jedoch mangels Seelen-Physiognomik ein
blo§es Dekor der guten Stube, ein integraler stilistischer Bestandteil des
Biedermeiermobiliars. Vor die florale Tapete hŠngte man gern ein StŸck Fauna in
Hundeform.
Welche
Dienerfunktionen erfŸllt der Hund in Titanilla Eisenharts Malerei? Ein
schwarzer Hund bringt ein StŸck Dunkel in die helle Welt. Das fŠllt vor allem
einer Malerin wie Titanilla Eisenhart auf, die ja schon vor der Hundeserie in
ihrer Malerei sich mit extremen Kontrasteffekten beschŠftigt hat. Im Medium
Malerei und gegen das Medium Malerei hat sie Strichzeichnungen mit schwarzer
Farbe auf wei§en LeinwŠnden angebracht. Sie hat unmalerisch gemalt, nŠmlich
grafisch gemalt. Die Kerntechnik des Grafischen hat sie sich in die Malerei
herŸbergestohlen. Die Strichzeichnung fŠllt dort, wo sie ganz und gar nicht
hingehšrt, in der Malerei nŠmlich, am meisten auf. Sie fŠllt auf durch ihren
Kontrast und als ein Medium, das aus nichts als Kontrast besteht.
FŸr
die Grafik ist alle Lust Kontrastlust. Aber es ist nur aus der
Technikgeschichte der Medien begrŸndet, dass die hšchste Steigerung der
Kontrastlust, das pure Schwarz-Wei§, traditionell dem Papier vorbehalten war,
wŠhrend die Farblust – trotz aller Farbgrafiktradition – von der
Idee her das genuine Feld des Malmediums ausmachte. Die gute alte Ordnung der
Arbeitsteilung lautete: die Grafik sei grafisch, die Malerei malerisch, erstens
aus GrŸnden der …konomie, zweitens aus der Logik der Wesensentfaltung. In Technikangelegenheiten
hei§t Wesensentfaltung stets Zweckverengung. FŸr Maler sind GrafiklŸste Tabu.
Schwarzwei§malerei ist ein Schimpfwort. In der japanischen Tradition der
Tuschzeichnung mit dem Pinsel ist das freilich anders. In ihrer Strenge und
Einfachheit erinnern die gemalten Hunde Titanilla Eisenharts an die Bildwelt
Japans.
Das
Grafische ist im VerhŠltnis zum Malerischen immer schon das abstraktere.
Zeichnen ist eine Form des Abstrahierens, die Linie gehšrt zur HŠlfte dem
Objekt und zur HŠlfte der Wahrnehmung an, sie markiert den Rand des Gegenstands
als Šu§erst schmale Zone der Differenzierung von Aufmerksamkeit. €hnliches gilt
fŸr eine monochrome FlŠche: auch sie schiebt alle bemerkbaren Unterschiede in
ihren Rand zusammen und verwandelt den Rand in eine Art von Linie – eine
imaginŠre Begrenzungslinie.
In der
Natur sind die Erfahrungen von Gegenlicht, Schatten und Silhouette Vorbilder
des grafischen Abstrahierens. Schwarze, wei§e sowie schwarz-wei§-gemusterte
Hunde machen die wirkliche Welt ein wenig grafischer und ein wenig abstrakter.
Werden sie gemalt, so grafisieren und abstrahieren sie die Malerei.
Titanilla Eisenharts neue Hundeserie ŸbertrŠgt nicht mehr die
Strichzeichnung in die Malerei, sondern bedient sich nun Šhnlicher Effekte, wie
man sie aus dem Medium der gedruckten Farbfotografie kennt. Im Printmedium
spricht man von ãabsaufenÒ, wenn die Farben und Binnenkontraste in einem
homogenen Feld von SchwŠrze versinken, man spricht von ãausfressenÒ, wenn zu
viel Licht alle Strukturen Ÿberblendet und eine wei§e, nicht durchgezeichnete
Zone etabliert, die in der Folge ihren illusionistischen Charakter verliert und
als wei§es Papier in Erscheinung tritt. Die Hunde der Titanilla Eisenhart
saufen stets ab, wenn sie schwarz sind, und fressen aus, wenn sie wei§ sind.
Das ist ihr Prinzip und System.
WŠren
die Hundebilder Fotografien, wŸrde man sie sogleich als unterbelichtet oder
Ÿberbelichtet kategorisieren. Man wŸrde sie im Computer nachbearbeiten mit der
Funktion „Kontraste reduzierenÒ. Dann wŸrden ordentliche Hundeabbildungen
entstehen, mit Hintergrund und Vordergrund und lebendigem Mittelgrund. Dann
wŸrden Bilder entstehen, wie sie von jenen Leuten manchmal gefordert werden,
die in Leserbriefen an Zeitungen gern Forderungen an die Kunst erheben. Im
speziellen Fall wŠre das die Forderung, die Malerei hŠtte der getreuen
Hundeabbildung zu dienen, anstatt den treuen Hund der Malerei dienen zu lassen.
Aber
die Malerin interessiert sich mehr fŸr Vereinseitigungen, Verzerrungen und
Extremisierungen der Wahrnehmung und der ReprŠsentation, wie sie in den Medien
der Zeichnung und des Fotos und des Farbdrucks aufgekommen sind. In den VorzŸgen und Einseitigkeiten und
Defiziten und Bildstšrungen anderer Medien entdeckt sie spezielle
Darstellungs-Chancen und SchaulŸste, die sie in die Malerei ŸbertrŠgt. Das
Abgesoffene oder Ausgefressene sind fotospezifische Abstraktionsformen und
Grafisierungsformen, die man anders zu sehen beginnt, sobald sie in einem
fremden Medium, wie der Malerei, auftauchen.
Der
kontrastfarbige Hund fungiert somit primŠr als Zugtier fŸr den Transfer
medialer Effekte, fŸr den Crossover von Fotoprint, Grafik und Malerei. Dieser
Transfer ist jedoch kein Selbstzweck, vielmehr werden den grafischen und
fotografischen Medien nur jene Effekte mittels Hunden abgejagt, die mit den
Themen Wahrnehmungsrand, Darstellungsgrenze, Hervortreten und Verschwinden,
Blenden und Verdunkeln, Kontrastieren und Homogenisieren zu tun haben.
An den
RŠndern der Hundeabbildung trŠgt das Schwarz zur hšchsten Steigerung der
Deutlichkeit bei, im Zentrum hingegen entfaltet es einen Sog der
Verundeutlichung bis in die Unkenntlichkeit hinein. Vom scharf konturierenden
Rand her nimmt die ReprŠsentationsfunktion der Farbe Schwarz gegen das Zentrum
hin kontinuierlich ab. Das Auge wandert verwirrt zwischen blendender Taghelle
und nachtschwarzem Blackout hin und her, beide Extreme Ÿberfordern die
Organfunktion des sehenden Erkennens. Der Hund, ein traditionelles Sujet des
Abbildens, wird von innen und von au§en aufgefressen von den zwei schlimmsten
Feinden des Sichtbarwerdens, Blende und Nacht.
Am
Hund macht die Malerin Anti-Sichtbarkeits-Effekte sichtbar. Sie bildet keine
Hunde ab, sondern Bildstšrungen, wie sie von schwarzen oder wei§en Hunden in
Printmedien hervorgerufen werden. Bildstšrungen, die von Interesse sind im
Hinblick auf Grenzwerte des Darstellens und der Verdeutlichung.
Dass
Differenzierung versus Homogenisierung von Licht (Dunkelheit) und Farbe
(Unfarbe) das Zentrum des Spiels ist, um das die Hunde Titanilla Eisenharts
kreisen, wird von den Schatten unterstrichen. In unserer Wahrnehmung der
Alltagswirklichkeit sind Schatten reale Vorkommnisse des Grafischen. Im
Schatten abstrahiert das Licht die Erscheinung des schattenwerfenden Objekts,
erzeugt eine monochrom flŠchige Schwarz-wei§-Abbildung. Die alten Medien
Schattenriss und Scherenschnitt kultivierten dieses PhŠnomen.
Die
hellgrauen, betont homogenen, scharf konturierten, abstrakt und weltlos unter
die Hunde gemalten Schattenzonen streichen das Thema des Bildes, HomogenitŠt
gegen Kontrast auszuspielen, nochmals hervor. Bei nŠherem Hinsehen freilich
zeigt sich im Schwarzen viel Malerisches, und das spŠrliche Braun ist kostbar
anzuschauen.
Die
von BinnenhomogenitŠt bedrohte Abbildung des schwarzen Hundes doppelt sich in
der HomogenitŠt des grauen Schattens. Der Schatten bildet im Bild ab, ohne
etwas zu erkennen zu geben. Er dient nicht dem besseren Abbilden des Hundes,
sondern der Unterstreichung des Motivs der FlŠchigkeit. Der Schatten thematisiert
im Bild, wie das abbildende Farbauftragen ins flŠchig Abstrahierende des
Grafischen und weiter bis hin ins unerkennbar Dunkle oder Hellwei§e Ÿbergeht.
Neben dem Blendenden und dem Nachtblinden ist die graue Nebeligkeit die dritte Ausblendung des Sichtbaren durch HomogenitŠt.
In
Titanilla Eisenharts abbildender Malerei sehen wir vor allem Anti-Malerisches
und Anti-Abbildendes: Bildstšrungen und Kontrast-Extremismen, Homogenisierungen
als Formen von LŸcken in der medialen Illusionierung. Der Hund als Schatten
seiner selbst zwischen Black Box und Blindem Fleck.
NachtschwŠrze und wei§e LeinwŠnde sind als Befreier vom
Sichtbaren die klassischen Orte fŸr Projektionen - trŠumerische
Seelenprojektionen ebenso wie mediale Lichtbildprojektionen. Unter allen Tieren
sind Hunde diejenigen, von welchen sich Menschen am meisten zum Projizieren
eingeladen fŸhlen. Der Hund personifiziert das Projizieren, er ist sein
Wappentier – in gemalter Form bietet er zusŠtzlich den schwŠrzebedingten
Sichtausfall und die wei§gebliebene Leinwand als ProjektionsflŠchen dar.
Die
Farbe Schwarz schŠrft am Rand den Realismus der Darstellung in dem selben
Ausma§, wie sie ihn im Kernbereich zerstšrt. FŸr die Farbe wei§ gilt dasselbe.
Der ausgeblendete Hintergrund (negativ: Grinterhund) rŸckt das Blindwerden als
Bildthema am deutlichsten in den Vordergrund (man starrt im Gegenlicht
hundeblind auf den Blindenhund).
Hunde
haben viele Funktionen, auch in der Malerei von Titanilla Eisenhart. Nicht
unerwŠhnt bleiben soll deshalb der Aspekt jener Heimeligkeit, die dem
Hundemotiv als Erwartung innewohnt, und die von der Malerin durch alle
erwŠhnten Obstruktionen des Sichtbarmachens ins Unheimliche gekippt wird. Den
Erwartungen an ein Hundebild verweigert sich die KŸnstlerin lustvoll und nicht
ohne heimliche HŠme. Die Haustiere als ausgezeichnete Objekte des Wohlgefallens
werden von ihr allemal ungefŠllig in Malerei verwandelt. Das Beruhigungs-Sujet
Hund wirkt in ihrer Darstellung beunruhigend. Dido, Selma, Lonzi und Gonzo
kšnnten sich jederzeit von Haus- in Hšllenhunde verwandeln, das hŠngt ganz von
den Projektionen ihrer Betrachter ab. €hnlich wie David Lynchs filmische
†berhšhungen amerikanischer Vorgartenbeete zu Szenarien des Unheils zeigen
Titanilla Eisenharts Hundebilder ein Haus-, Hof- und Naturidyll im
schreckensgrellen Licht dunkelster Perfidie.