Elisabeth von Samsonow:

Anti-evolutionŠre Kosmetik

 

Man sieht, wie die Zeichnerin mit den feinen Strichlein sich in das hineinzeichnet, was das Lebewesen als irgendwie ausgefranst erscheinen lŠsst, nŠmlich das Haar.  Nicht zum ersten Mal erscheinen Linien, geordnet gekritzelt, als einer Frisur nur allzu Šhnlich, aber bei Titanilla Eisenhart wird dieser Šsthetische Umstand des Erscheinens von Haar in ein Dreieck zwischen Mann, Hund und Frau resolut und sehr philosophisch eingezeichnet. Was als evolutionŠres Schrumpfhaar vom Fell Ÿbrig geblieben und noch am Menschen zu finden ist, sitzt bevorzugt an den herausragenden Stellen des Geschlechtes und des Kopfes. Die Unterstellung, dass sich in der starken Konzentration auf die Pracht der Behaarung eine vergleichbare Selbstbewertung in Bezug auf die Inszenierung des Genitals spiegele, macht die Frisur erst wirklich interessant. WŠhrend also der Mann mit gewissen erigierten oder toupierten Haararrangements auf das wundersamste die Frau zu rŸhren mag, vor allem dann, wenn die Schšpfe knallbunt auf den nachdenklichen, moviestarartigen und melancholischen  Gesichtern sitzen, wŠhrend also der Mann in die animalische Evolutionsgeschichte zurŸckgreifend Punkte macht, tut der Hund dasselbe auf umgekehrte Weise: der Hund ist bemŸht (sofern er als wahrer Hund eines Menschen gelten darf), trotz seiner ganzkšrperlichen animalischen Haarigkeit in jener Form intelligenten Auftretens zu brillieren, die allerdings an ihm nur noch wenig von der ursprŸnglichen zwangsneurotischen KultŸrlichkeit hat (da sie ja nur einen Teil der Ganzkšrperbehaarung explizit in das Formenspiel einbezieht): der Hund trumpft auf in mit GekŠmmtheit, Getrimmtheit, mit Haarschšpfen, die mindestens die Grš§e des Kopfes erreichen. Die Parallelisierung von menschlichen und tierischen Physiognomien ist seit der Renaissance, und wahrscheinlich auch schon frŸher, eine Lieblingsunterhaltung mit anthropologischen Untertšnen gewesen, die zugleich Verwandtschaft und Fremdheit zwischen den Spezies offen legt und jene merkwŸrdige Zusammengehšrigkeit untersucht, die durch einen Einspruch mit Hilfe von Schere, Farbe, Kamm und BŸrste, Klebstoff, Klammern und chemischen Wellenfixierern aufgeweicht und in vielfŠltige Wandlungen hinein hintertrieben wird. Weiters, und das ist jetzt fŸr die Zeichnerin wichtig, ist es ja offenbar so, dass unsere Lesemechanismen gegenŸber solchen Physiognomien immer noch in automatische Bewertung verfallen in der Art, wie sie vielleicht fŸr Urmenschen Ÿberlebenswichtig gewesen war. Ein gewaltiges Haar lŠsst uns ein WŸrdezeichen halluzinieren, eine Kopfbedeckung von der Steilheit der pŠpstlichen Tiara, die Harmonie zwischen Augenbrauen und Haar das Verhalten des Meeres an seinem wellenbildenden Strand. Wir sehen ZustŠndlichkeiten auf Gesichtern, aber wir sehen sie auch an Frisuren, was den boom der einschlŠgigen Branche erklŠrt. Wir gehen hinter einem schšn Behaarten her und malen uns alle Eigenschaften der Persšnlichkeit aus. Wenn er sich dann umdreht, fŸhlen wir die AbgrŸndigkeit jener Ideologien, die es mit einem Haarargument versuchten: die VerŠchter der PerŸckenpuderung, die Zopfabschneider, die Langhaardemagogen. Und wir beginnen zu verstehen, wieso eine ganze Industrie damit beschŠftigt ist, dem Haarausfall ein Einhalt gebietendes Mittel entgegenzusetzen. Wir wollen einfach keine Glatzen. Es sei denn, der Ausfall an evolutionŠrer AnimalitŠt wŸrde durch den Schmuck des Geistes ausgeglichen. Mšglich, dass auf anderen Sternen Geistesblitze von geschultem Personal in schšngeschnšrkelte Ordnungen gebracht und wie Diademe ihren ãWirtspflanzenÒ aufgesetzt werden. Vielleicht folgt die Idee der Frisur an sich insgeheim auch solchen exotischen Vorstellungen von Kosmetik.